Der Sonnentau mit dem Katapult

Pflanzen gelten als unbeweglich. Ein kleiner Sonnentau aus Südaustralien widerlegt das in 75 Millisekunden.

Blatt eines Rundblättrigen Sonnentaus mit Klebetropfen
Zum Vergleich: Blatt des heimischen Rundblättrigen Sonnentaus (Drosera rotundifolia), nicht die australische Katapultart. Foto: Petr Dlouhý, CC BY-SA 3.0 (Nachweis).

Dass Sonnentau Beute mit klebrigen Tentakeln festhält, ist seit Darwins Arbeiten bekannt. 2012 dokumentierten Simon Poppinga und Kollegen in PLoS ONE erstmals im Detail einen deutlich schnelleren Mechanismus: Drosera glanduligera, ein Sonnentau aus dem Süden Australiens, besitzt am Blattrand Schnelltentakel.

Wie die Falle arbeitet

Läuft ein Insekt am Blattrand entlang und berührt den Kopf eines Schnelltentakels, geschieht zunächst rund 400 Millisekunden lang sichtbar nichts. Dann schnellt der Tentakel vor und wirft die Beute auf die benachbarten Klebetentakel. In der glatten Bewegungsphase dauert das bei manchen Tentakeln nur 75 Millisekunden, die Spitze erreicht bis zu 0,17 Meter pro Sekunde. Anschließend ziehen die Klebetentakel das Tier langsam in das hohle Blatt.

Warum das Ingenieure interessiert

Technische Gelenke verschleißen an ihren Drehpunkten. Pflanzen haben meist keine Gelenke im technischen Sinn: Bei den Schnelltentakeln verformen sich sogenannte Scharnierzonen. Ein verwandter Gedanke steckt im Flectofin, einem gelenklosen Klappmechanismus für Fassaden, dessen Vorbild die Paradiesvogelblume ist.

Was man nicht übertragen kann

Das Beispiel zeigt auch, wie begrenzt jede Übertragung ist. Der Sonnentau kann sich den Tentakel leisten, weil er aus lebendem Gewebe besteht und nur wenige Male gebraucht wird. Eine Fassade soll dagegen viele Jahre lang arbeiten, Regen und Hitze aushalten und gewartet werden können. Darum wird in der Bionik nicht das Organ übernommen, sondern die Idee, Bewegung über die Verformung des Materials zu erzeugen.

Von der Redaktion

Quellen

  1. Poppinga, Hartmeyer, Seidel, Masselter, Hartmeyer, Speck (2012): Catapulting Tentacles in a Sticky Carnivorous Plant. PLoS ONE 7. doi:10.1371/journal.pone.0045735
  2. Lienhard et al. (2011): Flectofin: a hingeless flapping mechanism inspired by nature. Bioinspiration & Biomimetics 6. doi:10.1088/1748-3182/6/4/045001

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